Wenn man schwanger ist, dann freut man sich auf sein Baby. Man malt sich aus, wie es wirs wenn man mit ihm zuhause ist. Man denkt nicht wirklich daran, dass irgendetwas nicht stimmt. Man will es einfach nicht wissen und verlässt sich einfach darauf, dass alles gut sein wird. So ging es natürlich auch uns. Und im Prinzip kam das Minikröhnchen auch kerngesund zur Welt, ihm fehlte nichts. Das einzige, was schon im Kreißsaal auffiel, war ein verkürztes Zungenbändchen. Und damit nahm das Schicksal seinen Lauf.

Das Problem mit dem verkürzten Zungenbändchen

Mara, die Hebamme die das Minikröhnchen im Kreißsaal untersuchte, stellte schon dort fest, dass das Zungenbändchen von ihm verkürzt ist. Aber was bedeutet das eigentlich? Das Zungenbändchen ist das Verbindungsstück von der Zunge zum Mundboden, ziemlich klein und unscheinbar. Bei einem verkürzten Zungenbändchen ist dieses allerdings so stark mit dem Mundboden verwachsen, dass das Baby die Zunge nicht richtig bewegen kann. Es ist zum Beispiel in einigen Fällen nicht möglich, dass das Baby die Zunge über den Unterkiefer hinaus schieben kann. Das wiederum sorgt dafür, dass es beim Stillen Probleme gibt, da mit der Zunge nicht der nötige Druck ausgeübt werden kann. Und so war das eben auch beim Minikröhnchen.

Im Krankenhaus wurde das Problem mit dem Stillen auch recht schnell erkannt, da ich beim Anlegen immer wieder Probleme hatte und somit bekam ich fortan ein Stillhütchen, was es dem Minikröhnchen erleichtern sollte. Es klappte auch tatsächlich schon viel besser und sowohl ich als auch Schwestern waren beruhigt. Dennoch sollte ich einen Blick darauf haben und das Zungenbändchen vom Arzt kappen lassen, im Krankenhaus konnte dies allerdings nicht gemacht werden. Einen Termin für die U2 hatte ich bereits in ein paar Tagen, bis dahin würde ich eben immer das Stillhütchen benutzen.

Und dann kam die Gelbsucht

Zwei Tage nach der Geburt des Minikröhnchens kam die Hebamme zu uns nach Hause um sich den Kleinen anzusehen. Sie war an und für sich sehr zufrieden mit ihm, sprach aber auch das Zungenbändchen an. Mir war aufgefallen, dass seine Haut recht gelb aussah und ich sprach sie darauf an. Das wäre normal sagte sie, das sei noch im Rahmen und wir sollten das weiter beobachten. Einen Tag später kam sie wieder, das Minikröhnchen deutlich gelber und wir sollten sicherheitshalber ins Krankenhaus fahren, um das prüfen zu lassen.

Wir also am Sonntagnachmittag los zum Krankenhaus, wo dann etwas Blut abgenommen wurde. Das stellte sich als ziemliche Herausforderung dar, denn das Blut des Minikröhnchens floss nur sehr sparsam. Irgendwann war dann genug Blut da und ein paar Minuten später auch der Wert der Bilirubin-Kontrolle. Bilirubin nennt sich der Farbstoff, der die Haut gelb färbt und er wird produziert, wenn rote Blutkörperchen abgebaut werden. Dies ist bei Neugeborenen der Fall, da sie in der Regel mit einer hohen Anzahl roter Blutkörperchen geboren werden. Die, die nicht mehr benötigt werden, werden also abgebaut und die Haut färbt sich durch das Bilirubin gelb. Dies als kurze Erklärung am Rande :)

Als der Wert da war, kam die Schwester und kommentierte kurz und knapp mit „Gelb!“. Bei einem Neugeborenen in seinem Alter durfte der Wert bei 18 liegen, sein Wert lag bei 17. Wir sollten am nächsten Morgen noch einmal zur Kontrolle kommen, dann wäre die Grenze schon bei 20, da er dann schon 72 Stunden alt war. Trinken sollte er, ganz viel trinken. Und Sonnenlicht wäre auch prima. Ich stillte also im Akkord und legte ihn am Laufstall direkt ans Fenster, ging mit ihm nach draußen. Das mit dem Stillen war ja aber durch das Zungenbändchen nicht ganz so einfach. Einen Tag später wieder Kontrolle im Krankenhaus, dieses Mal mit einem Wert von 19,3. Wir sollten also am Nachmittag in ein anderes Krankenhaus mit Kinderklinik fahren, dort sollte abermals kontrolliert werden und gegebenenfalls müsste auch therapiert werden.

Phototherapie gegen die Gelbsucht

Nachmittags in der Kinderklink wurde also nochmal ein neuer Wert genommen. Sicherheitshalber hatte ich eine Tasche mitgenommen, in der ein paar Sachen für mich und das Minikröhnchen waren. Nur für den Fall, dass wir bleiben mussten. Und so kam es dann auch. Der Arzt legte direkt einen Zugang an der winzigen Hand und wir wurden aufgenommen. Abends kam dann das Ergebnis aus dem Labor, der Wert lag nun bei 21,3 und somit stand fest, dass Minikröhnchen musste „leuchten“, wie eine der Schwestern es so treffend formulierte. Prompt wurde ein „Brutkasten“ ins Zimmer gerollt, gefolgt von einer UV-Lampe, einem Überwachungsmonitor und einem Infusionsständer. Ich solle ihn doch bitte jetzt nochmal stillen, damit er dann in den Kasten könne.

Ich sah diesen Kasten, sah den Monitor und die Kabel, die da raus kamen und war kurz vorm Heulen. Ich war angespannt, wollte so schnell wie möglich das Minikröhnchen da wieder raus haben, noch bevor es drin war. 12 Stunden sollten es sein. 12 Stunden, in denen ich mein Baby nur rausholen durfte, wenn es gestillt werden musste und diese Zeit müsste dann auch aufgerechnet werden. Anfassen durfte ich ihn auch nicht, da die Temperatur konstant bleiben sollte. Als das Minikröhnchen im Kasten lag, mit so einer komischen Brille gegen das UV-Licht (die ihm im Übrigen nachts komplett wegrutschte und die ich heulend und panisch wieder zurecht rückte), fing er an zu schreien. Er schrie wie am Spieß. Und ich saß daneben auf meinem Bett und konnte nichts machen. Konnte nichts tun außer mit ihm zu reden. Ab und zu öffnete ich die Klappe einen Spalt, nur so viel dass ich meine Hand reinhalten und ihn etwas beruhigen konnte. Aber es half nichts, er schrie immer mehr.

Eine Schwester holte ihn raus, ich sollte nochmal schauen ob er Hunger hätte. Aber er war so in Rage, dass er sich absolut nicht mehr beruhigen ließ. Er stieß sich von mir ab, machte sich steif und streckte den Kopf nach hinten über. Ich konnte nichts tun, außer ihn zu halten, zu schaukeln und irgendwie zu zeigen, dass er nicht allein war. Dann kam die Schwester und packte ihn wieder zurück, denn Hunger hatte er ja scheinbar nicht. Nachdem er über eine Stunde durchgeschrien hatte, kam eine Schwester und versuchte ihm einen Schnuller anzubieten, den er vollkommen hysterisch wieder ausspuckte. Er schrie nur noch schlimmer, nichts schien ihn zu beruhigen. „Dann muss er jetzt eben leider weiter schreien.“, sagte die Schwester und ich fühlte mich furchtbar, ihn so zu sehen.

Der Hämatokrit – Wenn das Blut nicht fließt

Am nächsten Morgen, das Minikröhnchen hatte sich irgendwann so verausgabt, dass er einschlief und hatte in der Nacht ein Fläschchen bekommen, damit ich ihn nicht zu oft raus holte, wurden wir erlöst und ich hielt mein Baby die ganze Zeit fest. Hielt ihn einfach nur, wollte ihn nie wieder her geben. Es wurde wieder Blut abgenommen, was abermals sehr schlecht floss und ich sprach sein Zungenbändchen an, welches direkt gekappt wurde. Fortan klappte das Stillen so viel besser und wir konnten auf das Stillhütchen verzichten. Etwas später kam eine Ärztin, der Bilirubin-Wert lag bei 13,4 und ich war sowas von erleichtert! Am Nachmittag sollte noch einmal kontrolliert werden, ebenso am nächsten Morgen. Nachmittags lag der Wert sogar nur noch bei 11,3! Dafür am nächsten Morgen bei 15,8. Das an sich wäre nicht nötig zu therapieren. Wäre da nicht der Hämatokrit gewesen.

Dieser Wert gibt an, wie viele rote Blutzellen im Blut vorhanden sind und wie gut das Blut somit fließt. Wie beim Minirköhnchen ja schon oftmals auffiel, war der Blutfluss sehr sparsam und dementsprechend lag der Hämatokrit im Bereich, dass er therapiert werden müsste. Das Minikröhnchen sollte also für 24 Stunden eine Infusion bekommen. Wir also weiterhin im Krankenhaus. Am nächsten Morgen hatte sich der Wert nicht verändert, die Infusion wurde abgenommen und es sollte beobachtet werden, wie sich der Wert unter Zuhause-Bedingungen entwickeln würde. Also ohne Infusion oder sonstige Maßnahmen. Außerdem sollte das Minikröhnchen weiterhin viel trinken, ich sollte den Tag über Stillproben machen.

Mit der Stillprobe kommt die Unsicherheit

Laut der Ärzte nahm das Minikröhnchen zu wenig zu, was ich nicht fand, denn wir hatten schon fast wieder das Geburtsgewicht erreicht. Dennoch war er tatsächlich sehr schlapp und müde durch die Gelbsucht und schlief beim Stillen jedes Mal ein. Ich machte also fleißig Stillproben. Wog, stillte und wog wieder und war mit den Ergebnissen eigentlich zufrieden. Meistens nahm er ca. 50 Gramm zu, mal 30, das nächste Mal dafür 80. Einen Tag später stand der Arzt mit dem Taschenrechner bei mir im Zimmer und rechnete mir vor, dass das Minikröhnchen basierend auf seinem Alter und der Häufigkeit vom Stillen jedes Mal 90 Gramm nehmen müsste. Ich fühlte mich furchtbar. Wurde mein Baby bei mir etwa nicht satt? War ich letzten Endes Schuld daran, dass er Gelbsucht hatte? Dass der Hämatokrit so hoch war?

Ab jetzt hieß es zufüttern, zumindest solang er so träge ist. Abwechselnd bekam das Minikröhnchen nun also Muttermilch und Pre-Nahrung, für die man ihn regelmäßig wecken musste. Der Arzt ließ uns nach Hause gehen, wir sollten aber am kommenden Montag noch einmal zur Kontrolle kommen. Und so fuhren wir, endlich. So recht abschalten konnte ich allerdings nicht. Die Vorstellung, dass ich Zufü´ttern musste fühlte sich an wie versagen, auch wenn es fürs Minikröhnchen natürlich das Beste war.

Bei der Kontrolle am Montag war der Hämatokrit deutlich gesunken, zwei Tage später waren auch Bilirubin und Gewicht zufriedenstellend und wir mussten keinen neuen Termin vereinbaren. Ich war erleichtert. Auch dem Minikröhnchen ging es von Tag zu Tag besser. Er wurde wacher, schlief beim Trinken nicht mehr ein und somit füttere ich auch nicht mehr zu. Und die Gewichtskontrolle letzte Woche bei der Hebamme ergab, dass das Minikröhnchen definitiv gut gedeiht :) Stolze 3730 Gramm brachte er auf die Waage, zwei Wochen vorher bei Aufnahme im Krankenhaus waren es nur 3290 :)

Was ich daraus gelernt habe? Dass so ein kleines, unscheinbares Ding wie ein Zungenbändchen manchmal ziemliche Wellen schlagen kann. Vielleicht wäre es tatsächlich besser gewesen, wenn ich nicht direkt einen Tag nach der Entbindung nach Hause gegangen wäre. Vielleicht hätte es aber auch gar nichts geändert, denn gekappt hätte man das Zungenbändchen dort eh nicht. Wie es auch gekommen wäre, ändern kann ich es nun nicht mehr. Ich bin einfach nur froh, dass ich nun jeden Tag meinen wunderbaren, hübschen Jungen um mich habe, er Tag für Tag seine Welt erkundet und diese doofe, erste Phase fast vergessen ist :)